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Über die Wirklichkeit der Wahrheit

(oder: Jedem das Seine)

Traumurlaub - Traumstrände - traumhaftes Wetter! Albtraumhafte Staus - Preise - Nachbarn! So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich können sie auch über ihre Wahrnehmungen berichten. Aber entspricht das Berichtete auch einer "Wahr-Heit", die - wie schon Platon annahm - hinter einer solchen "Wahr-Nehmung" lauert?

Gelegentlich kann es vorkommen, dass unser Bewusstsein die unmittelbaren Sinneseindrücke nicht von den erfahrungsgeprägten Emotionen trennt. Da ist es dann möglich, dass man subjektive Erlebnisse hat, die von jemand anders schwer nachzuvollziehen sind. Im täglichen Leben haben wir es meistens mit bekannten Dingen und Erscheinungen zu tun. Und stoßen wir auf etwas Ungewöhnliches, so neigen wir dazu, zunächst zu prüfen, ob nicht das Ungewöhnliche reproduziert oder auf Bekanntes zurückgeführt werden kann. Uns wird selten bewusst, dass unser Leben und Überleben wesentlich davon abhängt, dass unsere Sinneserfahrungen reproduzierbar sind, sodass unsere daraus abgeleiteten Reaktionen zu einer nützlichen oder zumindest unschädlichen Abfolge von Antizipation und Aktion werden. Wir halten Reproduzierbarkeit von Erfahrungen meist für selbstverständlich. Aber bei der Kommunikation mit Mitmenschen, oder nach einer tatsächlich irreproduziblen Erfahrung, werden wir uns die Frage stellen: Wie lassen sich Erfahrungen miteinander vergleichen? Wie zuverlässig ist unsere "Wahrnehmung" der Umwelt? Wie wahr ist die Wirklichkeit und wie wirklich ist das, was wir "für wahr nehmen"?

Per definitionem ist Wirklichkeit die Gesamtheit aller auf einen Beobachter einwirkenden Erscheinungen und Vorgänge. Der Beobachter kann mit Hilfe seines Bewusstseins den für die Stabilität seiner Identität notwendigen und nützlichen Teil dieser Wirklichkeit in Form eines Abbildes wahr-nehmen. In diesem Sinne ist zum Beispiel auch ein Regentropfen ein Beobachter, sein "Bewusstsein" ist die Oberflächenspannung, die ja seine Identität gegenüber der Umwelt aufrecht erhält.

Das Bewusstsein des menschlichen Beobachters - seine "Oberflächenspannung" - ist die archaische Strategie der DNS, die ihr Überleben mittels Wahrnehmung der und Anpassung an die Umwelt sichert.
(a) Unsere Wahrnehmung beruht auf einem komplexen System von Sensoren, Reizleitern und Informationsspeichern, welche  Teile der ankommenden Informationen (Gesehenes, Gespürtes, etc.) aufbewahren.
(b) Zur Anpassung gehören alle evolutionären Änderungen des Bewusstseins, so primär das Programm, welches die gespeicherten Informationen zu einem Abbild zusammensetzt, oder die Heranbildung von Sinnen (letztlich aber auch deren  Erweiterung, wie z.B. die Erweiterung des Gesichtssinns durch Mikro- oder Teleskop).
(c) Das so entstehende Abbild der Wirklichkeit hängt vom jeweiligen chemisch-physikalischen Zustand des Organismus ab und  kann daher recht unterschiedlich ausfallen (z. B. bewirkt ein Schlag aufs Auge, dass man "die Sterne", übermäßiger Genuss von Drogen - z.B. Alkohol - dass man "weiße Mäuse" sieht).

[Anm.: Nicht-evolutionäre Änderungen (z.B. chemisch induzierte, die zu einer sog. Bewusstseinserweiterung führen sollen) können Abbildungsverzerrungen hervorrufen, die nicht dem Überleben dienen oder sogar lebensgefährlich sein können, weil dabei eventuell bestimmte Sensoren auf Kosten anderer überbewertet werden.]

Das Abbild der Wirklichkeit kann dann im Beobachter eine Reaktion hervorrufen, die zunächst eine Hypothese ist, das heißt eine Annahme oder Erwartung aufgrund von Assoziationen mit bereits vorhandenen Speicherinhalten (Erfahrungen). Eine Abfolge von Assoziationen auf eine Sequenz von Reizen (z. B. eine Melodie oder ein Partnerschaftsproblem) wird als Emotion bezeichnet. Die Assoziationen können im System selbst Prozesse auslösen, welche weitere gespeicherte Informationen abrufen, neu kombinieren und als neue Information abspeichern. Solche Prozesse können spontan auftreten (z. B. beim Halluzinieren oder Träumen) oder sie sind zielgerichtet (z. B. durch im Erbgut gespeicherte Programme, oder durch "bewusstes Planen", bis das Ergebnis einer Erwartung entspricht) und führen dann entweder zu weiteren Hypothesen oder aber zu Aktionen.

Da die Erfahrung eines Beobachters einem anderen nicht unmittelbar zugänglich ist, erfolgt der Austausch von Informationen über die Inhalte von Hypothesen und Aktionen mit Hilfe von Sprachen (d. h. Vereinbarungen, die den Informationen gemeinsam verständliche Namen und Verknüpfungen zuordnen) in der Form von Beschreibungen. Dafür geeignet sind z. B. verbale Sprachen, Körpersprachen oder die Sprachen der bildenden Künste.

Eine Beschreibung bezeichnet man als Theorie, wenn sie nachprüfbar ist durch Tests und Experimente, die unabhängig vom jeweiligen Beobachter und seinen Methoden immer das gleiche Ergebnis liefern.

 

Theorien lassen sich mit Hilfe der sog. wissenschaftlichen Methode aufstellen, das heißt mit Hilfe geeigneter Sprachen

   (1) die Phänomene der Wirklichkeit so zu beschreiben, dass die Beschreibungen für alle daran interessierten Beobachter zutreffen,

   (2) diese Beschreibungen mit Hilfe geeigneter Nachweisverfahren nachzuprüfen und, wenn notwendig, zu revidieren,

   (3) Nachweisverfahren zur Überprüfung solcher Beschreibungen zu entwickeln, und

   (4) die Grenzen der zugänglichen Wirklichkeit, und damit der beschreibbaren Erkenntnisse, zu definieren und durch sinnvolle Fragestellungen zu erweitern.

 

Die Aufstellung von möglichst brauchbaren Theorien über die unbelebte Natur kann z. B. mit Hilfe der reinen Physik erfolgen. Weiterführende Aufgaben bzw. die Anwendung dieser Theorien (z. B. Nutzbarmachung der beschriebenen Phänomene für bestimmte Zielsetzungen) fallen dann nachgeordneten Disziplinen zu (angewandte Physik, Technik etc.). Theorien über kompliziertere (z. B. biologische, geistige, soziale) Phänomene können zwar prinzipiell auf den Theorien der Physik aufbauen, gehen aber in vielen Fällen wegen der Komplexität der zu beschreibenden Systeme und Einflüsse von anderen Ansätzen aus und gelten dann jeweils für einen mehr oder weniger genau umgrenzten Fachbereich.

Jede Theorie ist nur so gut, wie die zu ihrer Aufstellung und Überprüfung eingesetzten oder einsetzbaren Sprach- und Nachweismittel. Da der einzelne Mensch aber nicht alles selber nachprüfen kann, kann er zum Überschreiten einer eigenen Erkenntnisgrenze zunächst einer Theorie vertrauen, anstatt sich mit eigenen Hypothesen und Spekulationen zu behelfen. Spätestens beim Erreichen der Erkenntnis- oder Anwendbarkeitsgrenzen dieser Theorie muss er jedoch entweder

    (a)  seine Erkenntnislücke durch den Glauben an irgendeine konkrete Hypothese schließen

          (geschlossenes Wirklichkeitsbild), oder

    (b)  mit dem Eingeständnis "weiß ich/man nicht" Raum für weitere Fragestellungen offen lassen

          (offenes Wirklichkeitsbild).

Der Wunsch nach immer genaueren Beschreibungen - und nach dem Erkennen letztlich unzugänglicher Einflüsse und Erscheinungen - hat zum Begriff der (ontologischen) Wahrheit geführt. Versuche, eine solche Wahrheit jenseits der uns zugänglichen Wirklichkeit zu veranschaulichen, sind z. B. die transzendenten Zahlen. Aber jeder Versuch bleibt bei der x-ten Dezimalstelle grundsätzlich stecken. Diese Wahrheit ist also nicht wirklich, sondern sie ist die Extrapolation der Wirklichkeit auf einen Zustand ohne Beobachter, dem man sich nur dadurch annähern kann, dass man ihn als eine unzugängliche Illusion akzeptiert. Sie ist sozusagen die Krücke, die das menschliche Bewusstsein bisweilen benutzt, um an der Erkenntnisgrenze nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. [Zum Erkennen einer solchen Wahrheit müssten wir unsere Dualisierung der fließenden Wirklichkeit in ein Sein ("Existenz") und ein zugehöriges Regelwerk ("Naturgesetze") aufgeben und in diesem Wirklichkeitsfluss aufgehen, gleich einem Regentropfen, der ins Meer fällt. Eine solche Erkenntnis wäre uns aber wegen unserer damit verbundenen Identitätsaufgabe logischerweise versagt.]

An der jeweiligen Erkenntnisgrenze bleibt uns also nichts anderes übrig, als Wahrheit gleichzusetzen mit einem offenen oder - wie auch immer gearteten - geschlossenen Wirklichkeitsbild. Wer ein offenes Bild vorzieht, muss sich irgendwann eingestehen: "Vorstellungsvermögen überfordert, hier geht's momentan nicht weiter, es ist einfach so!". Wer sich aber für ein geschlossenes Bild entscheidet, kann die dazu nötigen Hypothesen entweder selbst aufstellen oder irgendeines der existierenden Glaubensmodelle übernehmen und ist damit in der glücklichen Lage, Erkenntnisgrenzen nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen.

Unser Bewusstsein ist letztlich ein "Glaubenszentrum", das dem (ggf. temporären) Abbild der Wirklichkeit den Status eines Dogmas verleiht. Denn jeder Mensch "glaubt" an sein Weltbild, das sich sowohl an Hypothesen (Ideen) als auch an Theorien (reproduzierbaren Beobachtungen) orientieren kann..

28.05.2016